Meine persönliche Friedensarbeit

Veröffentlicht am 12. März 2022

Ich teile heute eine private Geschichte, als eine Form heilsamer Friedensarbeit für mich selbst und freue mich, wenn Du etwas für Dich davon mitnehmen kannst.
Als wir während meiner Ausbildungszeit für unser inneres Kind malten, liefen mir die Tränen. So hatte ich niemals zuvor vor anderen Menschen geweint.
Ich war in Kontakt mit einem tiefen Schmerz gekommen und im Laufe der Zeit begriff ich, dass ich der Trauer über den Suizid meines Vaters, der fast 39 Jahre zurückliegt, begegnet war.
Ich trauerte um ihn, aber auch um mich und malte mich durch meine Gefühle – Traurigkeit, Zorn, Verzweiflung, die verpassten Möglichkeiten – und das was mir in meiner Kindheit gefehlt hatte.

Ich malte FÜR mein inneres Kind und umliebte es, indem ich es auf dem Papier spielen ließ. Wild, zart, frech und das konnte dann auch mal so aussehen.
Insgesamt fing ich an Dinge zu tun, die ich schon immer gern gemocht, für die ich mir jedoch lange nicht mehr die Zeit genommen oder mich nicht getraut hatte.
Ich begann zu tanzen, zu singen, verreiste alleine und beanspruchte Raum ganz für mich alleine. Trotz meiner verspäteten Trauer, erinnere ich mich an dieses Zeit als eine, voller intensiver Lebendigkeit. Lachen und weinen, Freude und Schmerz – alles war ganz dicht beieinander.

So hatte ich mir das alles nicht vorgestellt.
Ich dachte zunächst, ich mache eine ganz normale Ausbildung, mit der ich nach zwei Jahren fertig sein würde. Dass das Malen einen so großen Einfluss auf mein eigenes Leben haben würde und mich immer wieder auch mit meinen persönlichen Themen konfrontiert, ahnte ich nicht.

Nachdem mir mein Bruder vor einem Jahr mitteilte, dass wir den künstlerischen Nachlass meines Vaters teilen könnten, da er nach Spanien umsiedelte, wusste ich sofort, dass mich das herausfordern würde.
Ich hatte vorher immer schon mal daran gedacht, wie schön es wäre, die Bilder meines Vaters irgendwann einmal zeigen zu können und jetzt wurde es auf einmal ernst.
Als wir sie ordneten, musste ich mir eingestehen, dass ich etwas von mir zurückhalte und, zumindest was die öffentliche Darstellung meiner Arbeit angeht, in einen alten Perfektionismus zurückgefallen war.
Ich fühlte mich hin- und hergerissen zwischen der Freude über die künstlerischen Schätze und einem tiefen Gefühl der Scham.
Mir war klar, dass ich mich entscheiden muss, ob ich mich verletzlich und offen zeige, indem ich etwas Persönliches von mir erzähle oder es eben nicht tue. Als mir eine Bekannte riet, doch einfach nur seine Bilder zu zeigen, merkte ich, das würde einfach nicht stimmen.
Es fühlte sich wie eine innerer Auftrag an, auch die Geschichte dahinter zu erzählen und deshalb liest Du das gerade.
Während es mir leicht fällt in einem persönlichen Kontakt authentisch zu sein, bekam ich Herzrasen bei der Vorstellung öffentlich zu werden.
Für meinen Körper brauchte es dann auch Homöopathie, Übungen aus dem Embodiment, freies Bewegen und liebevolles Sein mit mir, um in gutem Kontakt zu bleiben …. und Zeit.

Parallel dazu forschte ich: “Was hielt mich denn nun eigentlich zurück?” Das war eine Frage, die mich beschäftigte und langsam kam ich mir auf die Spur.
Die Essenz war, ein Teil in mir schämte sich für meinen Unperfektionismus.
Angefangen bei meiner Familie bis hin zu meinem eigenen bunten Lebensweg. Und – wenn das passiert – begegnen wir dem Gefühl nicht gut genug zu sein.
Ganz unabhängig davon, was wir leisten, besitzen und wie sehr wir uns anstrengen, bleibt dann immer ein Gefühl nicht in Ordnung zu sein.
Klassisch und passend dazu, machte ich mir Gedanken darum, was andere von mir denken könnten.
Dass uns das nicht glücklich macht, weil wir es niemandem, als uns selbst recht machen können, steht in jedem Lebensweisheiten-Kalender. Warum fiel es mir dann so schwer es zu lassen?
Ich merkte, ich stellte lediglich Vermutungen darüber an, was andere möglicherweise denken könnten.

Mir ist bewusst, dass diese Vorstellungen immer gerade genau das spiegeln, was in meinem Inneren abläuft.

So können wir es, abgesehen davon, dass wir uns um unser eigenes wundervolles Leben betrügen würden, auch wirklich niemals dauerhaft allen anderen recht machen. Es sind ja lediglich unsere eigenen Vermutungen, Vorstellungen und Bewertungen, die wir auf andere übertragen und die sich doch so wahr anfühlen.
So fühlte es sich für mich riskant an, vielleicht nicht verstanden oder gemocht zu werden.
… denn ich mag es schon, wenn andere mich mögen, wenn auch nicht um jeden Preis.
Deshalb brauchte es eine große Portion Selbstliebe, Vertrauen und das Gefühl, dass manche Dinge einen tieferen Sinn habe, den ich nicht kenne, um – gerade in schwierigen Entscheidungsprozessen – doch zu springen.

Etwas Wichtiges kam noch hinzu.
Ich bin – wie viele meiner Generation – mit der Botschaft groß geworden, dass Privates nicht in die Öffentlichkeit gehört. Schon gar nicht, wenn es um Themen geht, die tabuisiert und Gefühle, die eher heikel und schambelastet sind.
Angst, Traurigkeit, Scham gehören zu den Gefühlen, die in unserer Leistungsgesellschaft mit Schwäche und Unzulänglichkeit in Verbindung gebracht werden und so schlugen meine inneren Stimmen erbarmungslos zu.
Angefangen bei: “Ach, du lieber Himmel, das ist so negativ. Davon will doch niemand etwas wissen”, über :”Du verhälst dich nicht loyal gegenüber deinen Eltern” und und vollends entmutigend: “Das ist total unprofessionell. Niemand, wird jemals wieder zum Malen kommen”.

Ich kämpfte lange mit diesen Themen, malte für meine Seele und erzählte von meinem Vorhaben – probehalber – anderen Frauen. Auch welchen, die ich nicht so gut kannte und es passierte …. nur Gutes.
Einige vertrauten mir ihre eigenen Erfahrungen an, andere hörten einfach zu und so zog sich meine Scham zurück, weil sie nur in dunklen, einsamen Kellern gedeihen kann.
Ich fühlte mich befreit und ermutigt, auch von den lebensbejahenden Geschichten und Projekten der Menschen, die größere Schritte in die Öffentlichkeit gegangen sind. Ich habe größte Wertschätzung und Hochachtung für deren Stärke und Mut. Es ist ansteckend und hat so gar nichts mit Schwäche zu tun.

Ich erforschte weiter meine Monster-Botschaften, die dann besonders fies sind, wenn sie nicht nur ein bestimmtes Verhalten, sondern versuchen unsere ganze Person in Frage zu stellen.
Besser kann ich damit umgehen, wenn mein Verhalten möglicherweise unprofessionell erscheint, als wenn ich von mir in meiner Gesamtheit als Mensch glaube, ich sei unzulänglich.
Hilfreich empfand ich es auch zu verstehen, dass unsere inneren Szenarien darüber, wie etwas zukünftig sein könnte, immer aus der Vergangenheit stammen.
Wir können uns einfach nichts anderes vorstellen und downloaden immer die gleichen alten Programme.
Deshalb ist es so heilsam etwas Neues zu kreiieren.
Wir begeben uns dabei auf eine andere Ebene und begegnen Verbundenheit, unserer Intuition und dem Staunen über die innere Schöpferkraft. Das alles ist viel größer als unsere Geschichten.
An diese Stelle passt deshalb auch der aus dem 7.Jahrhundert stammende Nahuatl-Segen, der mir genau zum richtigen Zeitpunkt “begegnete”.
Als ich ihn das erste Mal las, war ich erst mal ein wenig erschrocken, weil er so radikal von befreiender Vergebung erzählt.
Während ich ihn jedoch abschrieb und mit Glitzer, Farbe und einer kleinen Feder verschönerte, erkannte ich für mich die tiefe Wahrheit und Liebe in diesen Worten.


Es muss nicht gleich etwas “Schlimmes” passiert sein, damit sich Menschen nicht gut genug fühlen.
Manchmal reichen negative Äußerungen über unser Aussehen, unachtsame Bewertungen was unser Verhalten angeht oder unsere Leistungen.
So etwas lässt sich bedauerlicherweise auch nicht ganz vermeiden.
Es passiert, weil wir Menschen sind und keine Engel. Die wenigsten unter uns haben gelernt, sich mit ihren Gefühlen gut auszukennen und angemessen damit umzugehen. So wissen wir oftmals über so ziemlich alles wichtige und unwichtige um uns herum besser Bescheid, als über uns selbst.
Oft führt Unsicherheit und Unachtsamkeit zu den gutgemeinten Fragen, die so unangenehm sind, weil sie uns auf Äußerlichkeiten reduzieren. Solche Erfahrungen tun weh, sie sind wie kleine Splitter unter der Haut.
Sich davon nicht langfristig den Boden unter den Füßen wegziehen zu lassen, das macht uns auch stark.
Ich kann mich noch daran erinnern, wie schrecklich es sich anfühlte, als ich mich mit mit vierzehn zu dick fühlte, und gefragt wurde, ob ich denn nun schon einen Freund hätte.
Genauso geht das wohl auch Frauen, die sich sehnlichst ein Kind wünschen und zum x-ten Mal gefragt werden, wann es denn nun endlich soweit sei oder jemandem, der seinen Job verloren hat und immer wieder darauf angesprochen wird … .

Was das jetzt mit Frieden zu tun hat?

Wenn wir so etwas häufiger erleben, fühlen wir uns nicht in unserem wirklichen Wesen gesehen, vielleicht ist es uns sogar selbst irgendwie und irgendwann abhanden gekommen. Mir ging das eine lange Zeit so und manchmal beginnen wir dann damit uns zu vergleichen.
“Was machen denn, die anderen “besser”? Die machen immer so einen glücklichen Eindruck”, das können dann so armseelige Gedanken sein und manch einer freut sich auch insgeheim darüber, wenn es anderen schlecht ergeht.
Das ist traurig, einer armen Seele fehlt es an Mitgefühl für sich selbst und damit auch für ihr Umfeld.
Wenn das passiert – und Menschen eher über- als miteinander sprechen -, gehen sie aus der Verbindung mit sich und anderen.
Fühle ich mich großartig und schätze mich selbst Wert, kann ich auch die Schönheit und Größe meines Gegenübers wahrnehmen und mich darüber freuen.
Bin ich in Gefühlen des Mangels, dann habe ich das Gefühl mich schützen zu müssen, weil ich nicht möchte das jemand, um meine Verletzlichkeit weiß und das bringt uns in Distanz und Konkurrenz zueinander.
Manchmal braucht es auch das, nicht jeder hat es verdient, dass wir uns ihm oder ihr anvertrauen und emotionale Offenheit passt auch nicht überallhin.
An vielen Stellen macht das die Welt jedoch auch kalt und grau.
Wir haben immer die Wahl, ob wir uns für die Liebe und Menschlichkeit entscheiden – ohne uns selbst dabei aufzuopfern – , um in die Verbundenheit zu gehen und das war noch nie so wichtig wie heute. Wir sitzen alle in einem Boot.

Ich schreibe auch deshalb, weil ich mir von ganzem Herzen einen heilsamen Bewusstseinswandel wünsche. Dieser Wandel beginnt immer in uns selbst, bevor er Auswirkungen auf unser Umfeld hat und erst dann, wenn wir innerlich dafür bereit sind.
Dabei ist Erkenntnis zwar wichtig, vor allem braucht es aber ein liebevolles Verständnis für uns selbst.
Selbstliebe beinhaltet, die eigene Unvollkommenheit anzunehmen, das was für einen wichtig ist zu ändern und ansonsten auch mal fünf grade sein zu lassen. Aufrichtig Fehler einzugestehen, gehört für mich auch dazu, um es danach besser zu machen und es halt nochmals zu versuchen.
Sei es gegenüber unseren Kindern, innerhalb der Familie, im Job und – sich von dort ausbreitend – eben auch in den größeren gesellschaftlichen Systemen.
Das Private ist immer auch etwas Kollektives und dazu gehört in diesen Zeiten auch die Einsicht, dass kein äußerer Frieden möglich ist, wenn wir einen inneren Krieg mit uns selbst ausfechten.
Wer mit sich in Frieden ist, ist friedlich und außerstande einen Krieg zu führen. Weder gegen sich selbst noch gegen andere.

Innerer Wandel verläuft dabei nicht linear, sondern eher zyklisch. Da gibt es Zeiten, in denen Dinge äußerlich wie ein Stillstand aussehen und dann bricht etwas scheinbar plötzlich auf und vieles kommt in Bewegung.
Auf einer tieferen Ebene hat jedoch der Samen der Veränderung die ganze Zeit hinweg gekeimt.
Es erinnert mich daran, dass wir Menschen ein Teil der Natur sind, auch da gibt es ein weites und offenes Zeitfenster, in welchem sich eine Blüte öffnet oder ein Baum Früchte trägt. Es ist ihre und unsere Bestimmung, auch wenn es dabei keinen so genauen Terminplan gibt.

In diesem Zusammenhang ist auch das Heilbild “Die Schwänin” entstanden.
Sie symbolisiert Reife, Schönheit, das bei sich Ankommen und die Fähigkeit des heilsamen Wandels.

Nachdem ich mir erlaubt habe zu schreiben, ordnet sich vieles und ich freue mich nun sehr, eine kleine Auswahl der Bilder meines Vaters zu zeigen und so seine Arbeit zu ehren.

Als Landschaftsmaler und Kunstschmied, der sein Geld als Schlosser verdiente, hinterließ er uns sein künstlerisches Werk in Form von Aquarellen, Zeichnungen und Ölbildern. Zu seinen Lebzeiten stellte er in mehreren Galerien aus, hatte Einzelaussstellungen und war Mitglied im Darmstädter Kunstverein.
Das alles bedeutete ihm wenig, er liebte das Malen, einfachen Genuß, die Natur und war häufig in unserem VW-Bully unterwegs, der so eine Art mobiles Atelier war, – im Winter – das Ofenrohr einer selbstgebauten Gasheizung aus dem Fahrerfenster ragend.
Viele seiner Bilder haben daher die Landschaften seiner Heimat, dem hessischen Ried, insbesondere die Auenwälder des Naturschutzgebietes “Kühkopf” und den Altrhein zum Motiv.
Die Schweizer Alpen, die er liebte, wie auch die dörfliche und ursprüngliche Natur des Odenwalds, sind ebenfalls Hauptmotive seiner Bilder.
Später verstand ich, was für ein Freigeist er war und dass es ihm innerhalb unserer Familie und in seinem Heimatdorf, in dem es einem Verbrechen gleich zu kommen schien, wenn samstags die Straße nicht gekehrt wurde, erdrückend eng vorgekommen ist.
Meine Mutter strengte sich an, dass nach Außenhin alles perfekt aussah.
Wie so viele Frauen dieser Generation – ging sie nebenbei arbeiten und versuchte zeitgleich uns Kinder, den Haushalt, alles Organisatorische sowie die Bedürfnisse meines freiheitsliebenden Vater unter einen Hut zu bekommen.
Beide arbeiteten sie hart und sorgten so dafür, dass es an nichts Materiellem fehlte. Dafür opferten sie – unabhängig voneinander -, manche Sehnsucht dem Preis einer angepassten Zugehörigheit.
Mich bestärkt es darin immer auch dem Ruf meines Herzens zu folgen.
Mit Dankbarkeit für das was mir diese zwei unterschiedlichen Menschen mit auf den Weg gegeben haben und friedvoll-freien Herzensgrüßen,

Andrea


Auswahl “Landschaften”

Aquarelle und Zeichnungen von Karl Hch. Becker (1930-1983)

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